Dezember 2015

Liebe Verwandte, Freunde und Interessierte an den Projekten in Takoradi,

auf Grund von Schwierigkeiten mit meinem Visum konnte ich erst drei Wochen später als geplant nach Ghana fliegen. Jetzt bin ich wieder mitten im täglichen Leben des großen Armenviertels von Takoradi-Effiakuma angekommen und es ist fast so, als wäre ich nie weg gewesen. Ich erlebe die feuchte Hitze (besonders nach Sonnenuntergang ab 18 Uhr, weil dann jegliches Lüftchen vom Meer zum Erliegen kommt), die engen Gassen zwischen den dicht gedrängten Hütten, vor denen sich das Leben der Menschen abspielt: gekocht, Wäsche gewaschen und debattiert wird, die Kinder spielen, Arbeiten für die Erwachsenen erledigen und manchmal auf den Knien mit einem Bleistiftstummel Hausaufgaben in ein zerknittertes Heft schreiben. Wie alle nerven mich die regelmäßigen, bis zu 48 Stunden dauernden Stromausfälle und die Wasserknapp­heit – seit mehr als einer Woche fließt kein Tropfen Wasser aus der Leitung. Wir beklagen die ständig steigenden Preise für Lebensmittel und kritisieren die Regierung, die zu wenig dagegen unternimmt. Dieses Jahr hat es in Takoradi außergewöhnlich viel geregnet, d.h. die Abwasserkanäle, die zu wenig oder gar nicht gereinigt werden, quellen über und viele Hütten werden immer wieder überschwemmt. Leider werden die Appelle einiger „Chiefs“ und anderer älterer Herrschaften, zumindest einmal im Monat die Kanäle zu reinigen, zwar gehört, aber wie vieles andere nicht in die Tat umgesetzt. Unterstützung finden sie allenfalls für Restaurierungsarbeiten in einer der vielen Moscheen bzw. Kirchen. Es ist nicht einfach, die Angehörigen der vielen verschiedenen Stämme, die in Effiakuma gelandet sind, unter einen Hut zu bringen. Frauen und Männer sind eingespannt in den täglichen Überlebenskampf für sich und ihre Kinder. Die jungen Männer, für die es keine Arbeit und Weiterbildung gibt, träumen lieber von Jobs in Europa statt in Effiakuma Abfall einzusammeln und Gräben für das Regen- und Abwasser auszuheben. Sie lassen sich weder von den Bildern untergegan­gener Boote und langer Flüchtlingsströme, noch von Todesnachrichten aus dem Familien- und Freundeskreis abhalten, Pläne zu schmieden, und Strategien zu entwickeln, auf welchen Wegen sie es schaffen könnten, nach Europa zu kommen.
Nach zwei Jahren Arztpraxis und Leben mit den Menschen in Effiakuma verstehe ich nur zu gut, wie die Bewältigung des Alltags so erschöpfend werden kann, dass man darin stecken bleibt und keine Initiativen zur Veränderung der Situation ergreifen kann.
Die Auszeit in Deutschland und der frische Blick auf die Entwicklung unserer Projekte haben in mir Ideen für neue Wege reifen lassen, auf die ich Euch gerne mitnehmen möchte. Zunächst möchte ich Euch von unseren Projekten berichten, die mit Eurer Hilfe in Tamale und Takoradi entstanden sind:
Das Engagement von Sheik Rashid für die Bauern in Tamale haben wir mit dem Bau eines Brunnens und einer Schule unterstützt. Die laufenden Kosten für die Schule, in der 250 Kinder unterrichtet werden, trägt inzwischen die ghanaische Regierung.
Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in Ghana macht sich auch bei den verschiedenen Werkstätten in Takoradi bemerkbar (Schlosserei, Schreinerei, Garküche mit Imbissverkauf, Nähgruppen, Fahrrad- und Reparaturwerkstatt für Fernseher u.ä.); die Mitglieder der Werkstätten können jedoch weiterhin von ihrer Arbeit leben und ihre Kinder zur Schule schicken. Sie sind seit vielen Jahren nicht mehr auf unsere Hilfe angewiesen.
Im Projekt Schulpatenschaft unterstützen wir zurzeit sieben Kinder aus Familien, die die Kosten für Schulbildung ihrer Kinder nicht selbst aufbringen; dazu gehören auch Schuluniform, Bücher, Schreibmaterial und vor allem medizinische Betreuung im Krankheits­fall. Wir fördern das Projekt, das zuverlässig und ehrenamtlich seit vielen Jahren von Ayischa betreut wird, mit durchschnittlich 2500 € jährlich; letztes Jahr waren 1000 € mehr erforderlich, weil eines der Mädchen von einem Auto angefahren wurde und auf Grund ihrer Verletzungen zweimal operiert werden musste. Sie ist jetzt wieder gesund.
Wir fördern die Ausbildung zu Krankenschwestern von Anti und Humu und von Madiya zur Technikerin für Wasserversorgung (3000 € jährlich). Humu wird im Februar 2016 ihre letzte Prüfung ablegen und dann ihr Pflichtjahr in einer öffentlichen Einrichtung ableisten.
Wir ermöglichten Dr. Naalenes Medizinstudium und die Ausbildung von Ramani zum Krankenpfleger. Dr. Naalene arbeitet in einem staatlichen Krankenhaus bei Tamale, Ramani leitet in einem Dorf außerhalb von Takoradi die Krankenstation Akongo. Wir haben die Ausstattung der Station mit einfachen Untersuchungsgeräten, Material zur Wundversorgung und Medikamenten so verbessert (ca. 3000 €), dass Ramani sinnvolle medizinische Grundversorgung leisten kann.
Ich konnte mich überzeugen, dass Dr. Tawiah, den ich seit längerem kenne und der mich in meiner Abwesenheit vertreten hat, in der Klinik Bambiakor in Takoradi gute Arbeit leistet. Wir haben seit 2013 die Praxis- und Laboreinrichtung verbessert und ein Ultraschall- und EKG-Gerät angeschafft (insgesamt 10.000 €). Dr. Tawiah kann von seiner Arbeit leben, aber er versorgt auch die vielen Patienten aus dem großen Armenviertel von Effiakuma, die nur wenig bezahlen können.
Sein Engagement gibt mir die Freiheit, auf Grund meiner bisherigen Erfahrung den Aufbau des Gesundheitszentrums besser zu organisieren. Unser Plan sieht wie folgt aus:

Von Anfang an soll im Zentrum mindestens ein(e) zuverlässige(r) ghanaische(r) Arzt oder Ärztin arbeiten. Weil Takoradi neben Effiakuma eine – im Vergleich zum übrigen Ghana – relativ positive Entwicklung erlebt (Ölvorkommen vor der Küste, Hotels, zweitgrößter Hafen von Ghana) haben sich inzwischen auch mehr Ärzte niedergelassen. Wir wollen das Gesundheitszentrum außerhalb von Takoradi gründen, wo die medizinische Versorgung weiterhin katastrophal ist. Dennoch soll es für Besucher und Ärzte gut erreichbar sein. In nicht zu großer Nähe zur Stadt und in der Aussicht auf eine Klinik können wir mit günstigen Preisen und guter Kooperation der örtlichen Chiefs rechnen. Wir werden mit zwei Behandlungsräumen beginnen und das Gesundheitszentrum dann nach Bedarf und Möglichkeit ausbauen, technisch und personell so ausrüsten, dass Kranke professionelle Hilfe erhalten, es aber auch zu einem Weiterbildungsort für Ärzte wird.
Wir werden einen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Eine deutsche Firma will uns in Zusammenarbeit mit ghanaischen Technikern bei der Planung, Durchführung und Sponsorensuche für die Versorgung des Gesundheitszentrums mit Elektrizität aus Solarstrom mit einem für Ghana geeigneten System unterstützen. Weil in der Region von Takoradi reichlich Grundwasser vorhanden ist, kann das Zentrum durch solarbetrie­bene Pumpen mit Wasser versorgt werden. Unser Gesundheitszentrum soll Modell­projekt für die nachhaltige Verbesserung des chronischen Energieproblems in Ghana werden.
Ich bin zuversichtlich, dass wir es beim zweiten Anlauf schaffen, das Zentrum zügig aufzubauen; dank des Einsatzes von Dr. Tawiah bin ich nicht mehr für die tägliche Patientenversorgung zuständig, sondern kann mich auf Kranke konzentrieren, für die meine homöopathische Behandlung wichtig ist. So habe ich Zeit für Gespräche mit Menschen, die Interesse und die nötige Kraft haben, die Situation in ihrem Land zu verbessern. Einer von ihnen ist Dr. Ainooson, der in Deutschland als Chemiker promoviert hat und jetzt als Dozent an der Universität in Accra arbeitet. Er unterstützt mich tatkräftig und effizient. Es sind noch nicht viele, aber es gibt sie auch in Ghana: Menschen, die sich für die Förderung von Kindern, für den Erhalt der Natur und die Vermeidung von Plastikabfall einsetzen. Ich möchte mit ihnen Kontakt aufnehmen. Für mich gehören diese Themen genauso zu einem Gesundheitszentrum wie Hygiene, Prophylaxe, Aufklärung und Verhütung, was bereits in Effiakuma Teil meiner täglichen Arbeit war.
Ich bin froh, dass ich dank eines geländegängigen gebrauchten Toyota mobil bin. Das Auto wurde per Container verschifft. Die vielen anderen in Deutschland gespendeten Güter wie Nähmaschinen, Fahrräder, Handtücher, Bettwäsche werden an die Werkstätten bzw. Frauen zum Verkauf weitergegeben; 20% des Erlöses sind für das Gesundheitszentrum bestimmt.
Bälle, Spiele, Buntstifte, Papier möchte ich Gruppen zur Verfügung stellen, die versuchen, Kinder von der Straße zu holen und sinnvoll zu beschäftigen. Besonders freue ich mich, eine Bücherei für Kinder einzurichten, mit englischen Büchern, die ich von privaten Spendern und der Internationalen Jugend­biblio­thek München für wenig Geld bekommen habe. Sogar gebrauchte Bücher sind in Ghana sehr teuer, Kinderbücher gibt es kaum. Ich bin schon sehr gespannt, wie dieses Projekt funktionieren wird und werde Euch darüber ebenso berichten, wie über die Entwicklung der anderen Projekte insbesondere des Gesundheitszentrums. Auch nachzulesen auf unserer neuen Internetseite unter www.ghana-freunde-takoradi.de
Ich freue mich über Fragen, Anregungen und Kritik und bitte Euch um finanzielle Unterstützung unseres Projekts Gesundheitszentrum.

Ich danke Euch für Eure Geduld und Hilfe und wünsche Euch ein frohes Weihnachtsfest und ein gesundes und glückliches Neues Jahr 2016.

Mit vielen Grüßen

Anne

 

Alle Informationen und Bilder finden Sie auch auf unserer Hompage unter der Rubrik „Aktuelles“:

Kontakt: 

Dr. med Anne Sittl
E-Mail: anne.sittl@gmx.de
Whatsapp: +49 176 3873 5090
Tel : +233 56 0584 149

 

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Wie auch Sie uns helfen können, erfahren Sie in unserer Rubrik Spenden 

 

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