Februar 2016

Liebe Verwandte und Freunde,

heute ist schon der letzte Januartag; die Zeit vergeht wie im Flug, da wird es euch sicher nicht viel anders als mir ergehen. Ich habe mich wieder gut in den ghanaischen Alltag eingelebt. Ich bin erstaunt, wie relativ ruhig hier die Menschen die Preiserhöhungen seit Dezember für Benzin um 35 %, für Strom um 60 % und für Wasser um 80 % hinnehmen Ich bin beschäftigt mit Patienten, Besuchern vor allem Frauen, die auf einen kurzen Schwatz vorbeikommen, mit Kindern aus der Nachbarschaft, die spielen wollen. Die größeren spielen am liebsten Tischtennis, die jüngeren lernen gerade begeistert das Bauen mit Duplosteinen und Zubehör (wie die Tischtennisplatte eine Spende aus Deutschland).  Ich freue mich, dass ich inzwischen fast täglich eine Stunde Homöopathie unterrichte. Ich habe zwar nur einen Schüler, aber er ist sehr motiviert und lernt schnell. Ich bereite den Stoff für jeden Unterricht gut in Englisch vor, weil ich denke, dass dies erst der Anfang ist. Im unserem kleinen Garten wachsen inzwischen wieder Artimisia, Mais, Ananas, Tomaten und Wassermelonen aus Samen. Alle Pflanzen sind noch klein, aber der Garten sieht schon wieder ein bißchen grüner und lebendiger aus. Die Karottenpflanzen sind gleich gefräßigen Raupen zum Ofer gefallen, die nur nachts ihr Versteck in der Erde verlassen und deswegen schlecht zum Fangen sind, aber schließlich freuen wir uns über Schmetterlinge genauso wie über die Vögel, die gerne an meinen Resten von Orange, Mango und Ananas picken.
Auch mit dem Projekt Gesundheitszentrum geht es weiter. Ich habe mich in Abstimmung mit unserem Verein entschlossen, unser Grundstück am Meer nicht für das Gesundheits-zentrum zu nutzen. Sein großes Plus, die nahe Lage am Meer mit langem Sandstrand, schöner Natur und kühlem Wind, gut geeignet auch für Besucher aus Deutschland, ist inzwischen leider etwas riskant geworden, weil man an verschiedenen Stellen beobachten kann, dass das Meer in den letzten Jahren gestiegen bzw der Strand schmaler geworden ist. An einem Strand außerhalb von Takoradi ist ein Dorf bereits im Meer verschwunden. Sobald ich Zeit finde, sende ich Fotos auch von diesem Strand für die Internetseite des Vereins (s. www. Ghana-Freunde e.V.) Wie ich bereits in meinem ersten Rundbrief geschrieben habe, hat sich die medizinische Versorgung in Takoradi inzwischen verbessert, noch lange nicht vergleichbar mit unserem Standard in Deutschland, aber eben besser als an den meisten anderen Orten in Ghana. Im großen Armenviertel Effiakuma, wo sich viele Patienten auch nicht die relativ günstige Krankenversicherung für die medizinische Basisversorgung leisten können, behandelt Dr. Tawiah Patienten (ich jetzt natürlich auch)
Nach eingehender Suche und vielen Überlegungen haben wir uns aus verschiedenen Gründen für Brafoyaw entschieden: Das etwa 3 km vom Meer entfernte Grundstück (ca 1100 qm) hat bereits Wasser- und Stromanschluss. Es ist nicht weit entfernt von der Hauptstraße Takoradi-Accra und deswegen auch für Patienten aus anderen Orten ebenso wie für Ärzte und andere Therapeuten gut erreichbar und liegt auf einem Hügel, wo oft ein angenehmer Wind weht und die Temperaturen erträglich sind. (glaubt mir, wenn man in der drückenden Hitze von Effiakuma wohnt, weiß man dies zu schätzen).
Abgesehen von einer Krankenschwester, die in unregelmäßigen Abständen hauptsächlich für die Grundversorgung der Schwangeren ins nahe Fischerstädtchen Moree kommt, gibt es keine ärztliche Versorgung vor Ort, auch nicht für die jeweils ca 2000 Schüler verschiedener Boarding Schools (das sind Internatschulen für Kinder aus Dörfern, die keine Schulen haben). Wir haben über einen Lehrer bereits Kontakt mit einer Boarding School aufgenommen, die Interesse an einer zukünftigen Zusammenarbeit mit dem Gesundheitszentrum gezeigt hat (Versorgung der Kranken, Projekte mit den Schülern zu Themenkreisen wie Umweltschutz, Verhütung, Prophylaxe von Krankheiten auch von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, Familienplanung).
Der Chief von Brafoyaw und seine Eldest versuchen schon seit langem vergeblich ärztliche Versorgung für ihr Gebiet zu organisieren. Sie waren von allen Vertreter der verschiedenen Orte, die wir besucht haben, diejenigen mit dem meisten Interesse an unserem Projekt und der größten Offenheit für unsere Ideen. So wollen sie uns im Dorfzentrum auch einen Raum für unsere Kinderbücherei zur Verfügung stellen. Ich denke, dass wir auch in Zukunft eine gute Zusammenarbeit mit dem Chief und der Dorfgemeinschaft haben werden, was ich sehr wichtig finde. In Takoradi mit 400 000 bzw in Effiakuma mit 20 000 Einwohnern, die aus den verschiedensten Gegenden Ghanas wie auch aus dem benachbarten Ausland in Effiakuma gelandet sind, ist gemeinsames Engagement für eine Sache erfahrungsgemäß nicht einfach. Unser Grundstück am Meer können wir sicher zumindest ohne finanziellen Verlust verkaufen, sobald der Verein so entschieden hat und den Erlös für den Bau des Zentrums verwenden. Ich bin ich guten Mutes, dass wir bald mit dem Bau beginnen können!
In meinem Weihnachtsrundbrief habe ich Euch bereits kurz von dem jungen Mann Michael Ainooson berichtet. Nach seiner Promotion als Chemiker an der Universität von Göttingen ist er trotz mehrerer Stellenangebote in Deutschland nach Ghana zurückgekehrt, weil er beim Aufbau seines Landes helfen möchte. Die Universität in Accra möchte Michael dringend als Dozenten für Chemie einstellen und Michael unterrichtet einmal pro Woche Studenten allerdings ehrenamtlich ohne jede Bezahlung. Die Universität in Accra darf trotz inzwischen großem Mangel an Personal für Lehre und Forschung niemanden mehr einstellen. Auf Grund von Vorgaben des IWF gilt dieses Einstellungsverbot für alle öffentlichen Einrichtungen in Ghana bereits seit mehreren Jahren. Ich kann nicht beurteilen, ob der ghanaische Staat zu viele Angestellte in den staatlichen Büros beschäftigt. Aber ganz sicher gibt es nicht genügend Lehrer an den Schulen, Ärzte und Pfleger(innen) in den Krankenhäusern. Früher musste Ärzte nach ihrer Ausbildung mindestens ein Jahr für wenig Geld auf dem Land arbeiten. Auch diese Bezahlung ist dank IWF nicht mehr möglich, was bedeutet, dass es für die Menschen in den Dörfern noch weniger ärztliche Hilfe, aber dafür arbeitslose Ärzte in Ghana gibt, einem Land mit eindeutig medizinischer Unterversorgung! Und wie soll sich ein Land entwickeln, wenn der IWF nicht mehr erlaubt, dass die University of Legon in Accra, einen der wenigen Universitäten in Westafrika, keine neuen auch sehr qualifizierte Leute mehr einstellen darf? Die meisten dieser jungen Menschen werden natürlich alles versuchen, im Ausland eine Stelle zu finden, auch wenn sie eigendlich lieber in ihrer Heimat bleiben möchten.
Michael ist einer der derjenigen, die noch nicht aufgeben haben. So arbeitet er weiterhin 1 x wöchentlich ehrenamtlich an der Universität, fährt jeweils nachts mit dem Bus, um wieder rechtzeitig in Takoradi zu sein und mich zu unterstützen: bei den Aufgaben des Alltags wie Wasser in Eimern ins Haus tragen (seit dem ich hier bin, fließt höchstens alle 10 Tage für 2 bis 3 Tage Wasser aus der Leitung) und beim Übersetzen für Patienten, die kein Englisch sprechen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie dankbar ich bin, jetzt einen Übersetzer zu haben, der mit Geduld, echtem Interesse und Engagement meine vielen Fragen an die Patienten übersetzt und die Antworten der Patienten nicht verkürzt sondern Wort für Wort übersetzt. (Soviel Fanti verstehe ich nämlich schon, dass ich dies beurteilen kann). Michael war und ist eine wichtige Hilfe bei der Suche nach dem geeigneten Ort und Grundstück für das Gesundheitszentrum, bei der Gründung unserer NGO (dem Partnerverein des Vereins Ghana-Freunde in Ghana, was aus rechtlichen Gründen günstig ist), der Vermessung und Registrierung des Grundstücks, was wie sehr vieles andere in Ghana mit einem Wirrwarr an Bürokratie und sehr viel Zeitaufwand verbunden ist (es würde Seiten füllen, euch alles einzeln zu beschreiben; für die Zulassung des Autos – um nur ein Beispiel zu nennen – war Michael zwei Tage beschäftigt). Er war und ist eine wichtige Hilfe bei den Verhandlungen mit dem Chief und den Eldest (trotz bester Englischkentnisse würde kein Chief in offiziellen Gesprächen Englisch mit mir sprechen). Dem Verhandlungsgeschick von Michael und Chief verdanken wir es, dass wir das Grundstück in Brafoyaw statt urspünglich 55000 Cedis schließlich für 20000 Cedis bekommen haben, wobei der erste Preis wegen meines weißen Gesichtes natürlich völlig überteuert war. Wir werden auch in Zukunft für für das Projekt Gesundheitszentrum jemanden brauchen, der eine qualifizierte und ehrliche Kontrolle von Finanzen und der im Zentrum geleisteten Arbeit durchführen kann. Als Weiße(r) können wir eine solche Aufgabe nur bedingt leisten.
Unser „Plastikvermeidungsprojekt“ steckt noch sehr in den Kinderschuhen. In Takoradi haben wir bis jetzt noch niemanden gefunden, aber wir sind mit einigen interessierten Leuten aus Accra in Kontakt. Wir haben ein paar Mut machende Ideen ausgetauscht, wie wir das Projekt angehen können und tasten uns langsam weiter. Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht…..
Sehr froh bin ich, dass unser Verein Michael 200 € als monatliche Bezahlung zugestanden hat; aus vereinsrechtlichen Gründen ist bis Juni keine höherer Betrag möglich, auch wenn ich mir sehr gewünscht hätte, dass wir Michael, der so viel gute und wichtige Arbeit für uns leistet, zumindest 300 € pro Monat zahlen könnten. Im Januar habe ich Michaels „Gehalt“ von 200 € um 100 € verbessert. Vielleicht hat der eine oder andere von Euch die Möglichkeit, mir zu helfen (und findet dies auch für notwendig und gut), Michaels Bezahlung von Februar bis Juni um jeweils 100 € monatlich zu verbessern. Leider ist dies nicht über das Vereinskonto möglich, aber schon ein kleiner Beitrag wäre eine tolle Hilfe. Falls dies eventuel für Euch in Frage kommt, ist es besten Ihr schreibt mir per Email oder Whatapp. Bittet tut dies auch bei sonstigen Fragen, Anregungen und Kritik. Auch Gespräche per Whatsapp klappen oft recht gut. Allerdings müsst ihr mich vor einem Gespräch erst auf meiner ghanaischen Nummer 00233 56 0584 149 kurz anklingeln, damit ich das Internet auf dem Smartphone einschalte.
Unser „Plastikvermeidungsprojekt“ steckt noch in den Kinderschuhen. Ich komme zwar insbesondere beim Einkaufen, wenn ich auf die übliche Plastiktüte selbst für eine Streichholzschachtel verzichte, immer wieder ins Gespräch über das allgegenwärtige Plastik und seine Folgen, aber Plastik ist praktisch (ist ja bei uns auch nicht anders) und warum soll man auf etwas verzichten, was ich beim Einkaufen sozusagen „umsonst“ dazu bekomme. Aber sind mit einigen wirklich an dem Problem Plastik interessierten jungen Leuten aus Accra in Kontakt. Wir haben ein paar Mut machende Ideen ausgetauscht, wie wir das Projekt angehen können und tasten uns langsam weiter. Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht…..

Jetzt ist mein Brief wirklich lang, aber hoffentlich nicht zu langweilig geworden!

Viele Grüße und vielen Dank Eure Anne

 

Alle Informationen und Bilder finden Sie auch auf unserer Hompage unter der Rubrik „Aktuelles“:

Kontakt: 

Dr. med Anne Sittl
E-Mail: anne.sittl@gmx.de
Whatsapp: +49 176 3873 5090
Tel : +233 56 0584 149

 

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